Gott wartet an der Haltestelle

von Maya Arad Yasur | Regie Pınar Karabulut | Ausstattung Franziska Harm | Musik Daniel Murena | Dramaturgie Julia Weinreich
mit Henriette Hölzel, Loris Kubeng, Mathis Reinhardt, Laina Schwarz, Nicolas Streit

 

Zwei junge Frauen stehen einander an einem Grenzposten gegenüber: die israelische Soldatin Yael und die palästinensische Krankenschwester Amal. Wenig später hat Amal sich und 29 Menschen in den Tod gerissen. Sprachlich fragmentarisch und in zahlreichen Rück- und Vorblenden untersuchen die Figuren in Maya Arad Yasurs Drama „Gott wartet an der Haltestelle“ die Gründe für dieses Selbstmordattentat. Gemeinsam gehen sie zurück an den Anfang, erkunden die Spuren der zermürbenden israelischen Besatzungspolitik und hinterfragen die patriarchalischen Machtstrukturen in Familie und Gesellschaft auf beiden Seiten des Grenzzaunes.
Der Text fragt, wo in der Kette der Ereignisse Augenblicke gewesen sind, an denen sich noch alles zum Guten hätte wenden können. Ob ein anderes Handeln – ein menschlicheres – die Katastrophe hätte ver­hindern können? Opfer wie Täter bekommen eine gleichberechtigte Stimme; es geht nicht um Schuld, sondern um den Versuch, die Formel des Hasses zu entschlüsseln.

 

Deutschsprachige Erstaufführung am 09. Dezember 2016 am Staatsschauspiel Dresden

Eingeladen zu Radikal Jung 2017

Fotos: Krafft Angerer

 
Trailer 
 
Pressestimmen 

„Regisseurin Pınar Karabulut hat das straff, mit Tempo inszeniert, lässt beiden Seiten genügend Raum, ohne zu werten. Am Ende bleibt ein leises Klagelied. Es ist eines der brisanten politischen Stücke, die in dieser Saison am Staatsschauspiel Dresden zu sehen sind.“ Die Deutsche Bühne, Februar 2017, Ute Grundmann

„Die Allgemeingültigkeit der im Stück verhandelten Konflikte betont Regisseurin Pınar Karabulut nicht nur, indem sie die Zuschauer mit den Schauspielern sprichwörtlich an einen Tisch setzt, sondern auch, indem sie betont, wie austauschbar die Personen der Geschichte sind. So müssen sich die Schauspieler durch zahlreiche Rollenwechsel spielen.
Zügig erfolgen diese Rollenwechsel, so wie überhaupt ein Großteil der Szenen von einer ununterbrochenen Spielenergie der Darsteller gekennzeichnet ist. Diesen hat Pinar Karabulut nahezu permanent Bewegung verordnet, die den Abend dynamisch, manchmal auch hektisch werden lässt. Laute Musikeinsätze verleihen den Dialogen zusätzlich Wucht. Und immer wieder wird das Publikum ins Spiel eingebunden. So changiert die Inszenierung zwischen unterhaltsamen, fesselnden und reichlich beklemmenden Arrangements. Pinar Karabuluts Zugriff ist insgesamt berückend. Dabei ist der vielleicht beste Effekt des Abends absolut simpel: Entgegen einer anfänglichen Beschreibung der Explosion als ohrenbetäubend wird die Inszenierung gerade im Moment der Tat zuletzt unvermittelt leise: Dunkelheit und Stille anstelle eines lauten ‚Booms‘. Weniger ist eben manchmal mehr.“ Die deutsche Bühne online, 10.12.2016, Bettina Weber

„Nach dem Black steht einem der Sinn zunächst nicht nach Applaus. Warum bringen Menschen, die uns doch eben im Stück so nahe kamen und friedensfähig erschienen, einander um? Warum dreht sich die Spirale des Hasses und der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern unaufhaltsam weiter und hat an einer Bushaltestelle soeben wieder 30 Opfer gefordert? Darüber möchte man eigentlich weiter grübeln, bevor es gilt, einem leidenschaftlich und eindringlich spielenden jungen Ensemble den gebührenden Dank zu erweisen. Auf der Bühne des Kleinen Hauses setzen sie eindringlich ein Stück der israelischen Autorin Maya Arad Yasur um, das bislang nur in Israel und in Wien zu sehen war. Solche Internationalität und die Vergegenwärtigung eines Jahrzehnte währenden blutigen Dauerkonflikts kann nur heilsam sein, während wir im ruhigen Liebvaterland aus Sorge um das Rekord-Weihnachtsgeschäft unsere Konfliktchen zu existenziellen Volksleiden aufpusten.
Die jungen neuen Ensemblemitglieder dieser Interimsspielzeit knien sich mit außerordentlicher Verve in diese Interpretation, genau geführt von der Regie. Nichts ist unwichtig, auch die kleinen Gesten und Kritzeleien an den Besuchertischen nicht, unter die sie sich ständig mischen. Die Zuschauer dürfen und müssen auch in turbulenter Ausgelassenheit die Hochzeit mitfeiern. Denn es geht nicht nur tragisch-ausweglos zu, es wird auch geschäkert und aktionsbetont permanent Spannung erzeugt. In alle Figuren kann man sich hineinversetzen, voran tragen die beiden Frauen Henriette Hölzel als Amal und Laina Schwarz als Yael das Stück. Mit dem Tausch einer Jacke oder einer Mütze wechseln die männlichen Spieler die Rollen, Nicolas Streit und Loris Kubeng, besonders intensiv Mathis Reinhardt als palästinensischer Vater und israelischer Offizier zugleich. Die sparsame Ausstattung von Franziska Harm bietet so viele Anknüpfungspunkte für eine opulente Imagination.
Starke eineinhalb Stunden über einen Konflikt, mit dem wir uns schweigend arrangiert haben und von dem wir ob der Befangenheit gegenüber den jüdischen Opfern deutscher Hybris lieber die Finger lassen. Immerhin erfahren wir, dass der Name Amal arabisch die Hoffnung bedeutet. Mit blutigen Racheakten wird sie sich für keine der beiden Seiten erfüllen.“ Dresdner Neueste Nachrichten, 12.12.2016, Michael Bartsch
 

„Woher nur all der Hass? Die Autorin Maya Arad Yasur will in ihrem Stück ‚Gott wartet an der Haltestelle‘ erklären, was Menschen zu Selbstmordattentätern macht.
Das gelingt natürlich nicht. Man bleibt auch nach der (freilich furiosen!) Aufführung ratlos, was die Menschen im Nahen Osten unversöhnliche Feinde bleiben lässt.
Erzählt wird dieser Konflikt über die fanatisierte israelische Grenzsoldatin Yael (Laina Schwarz) und die palästinensische Krankenschwester Amal (Henriette Hölzel), die – nach dem gewaltsamen Tod ihres Verlobten – sich und 29 weitere Menschen in den Tod reißt. Das ist intensiv gespielt. Religion und Gottesglaube indes bleiben ungreifbar und rätselhaft.
Die clevere, fast skrupellose Regie (Pınar Karabulut) reißt den Besucher hinein in die beklemmende Atmosphäre von Angst und Bedrohung. Die Schauspieler (allesamt stark: Mathis Reinhardt, Loris Kubeng und Nicolas Streit) sind am Eingang schon in ihren Rollen als brutale Grenzposten – schreien die Besucher an, weisen bellend Plätze zu, während Drone-Music einschüchternd dröhnt.
Terror wird erfahrbar, wenn die Darsteller quer durch die Reihen spazieren. Atmosphärisch rüttelt diese Inszenierung auf. Der euphorische Jubel dafür ist hochverdient.“ Dresdner Morgenpost, 12.12.2016, Heiko Nemitz

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